Was bedeutet der Brexit für die deutsche Logistikbranche?

Was bedeutet der Brexit für die deutsche Logistikbranche?

Das Thema Brexit - also der Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union - begleitet uns schon einige Zeit. Am 1. Februar 2020 ist der Ausstieg vollzogen worden, die vereinbarte Übergangsphase endet am 31. Dezember 2020. Vor allen Dingen für Unternehmen aus der Logistikbranche werden die Auswirkungen des Brexits weitreichend sein. Nach Ansicht vieler europäischer Transportverbände ist ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien unerlässlich, um die Lieferketten zu schützen. Doch bisher sieht es nicht so aus, als wäre eine Einigung in Sicht. Aktuell fürchten viele den sogenannten No-Deal Brexit, also einem Ausstieg Großbritanniens ohne Handelsabkommen. Ein No-Deal Szenario hat große Auswirkungen auf die internationale Logistikbranche, da Zölle fällig werden und die Prozesse für internationalen Warenfluss mit erheblich mehr Aufwand verbunden sind.

Logistik-Verbände schreiben offenen Brief an Boris Johnson.

In einem offenen Brief fordern 32 europäische Verbände, darunter der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) e.V., den EU-Chefunterhändler Michel Barnier, den UK-Chefunterhändler David Frost und Premierminister Boris Johnson dazu auf, ein Abkommen zwischen Großbritannien und der EU einzugehen.

Die Forderungen des offenen Briefes des BGL im Überblick:


  • Eine Übergangszeit ohne Abkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich ist für die Logistikbranche keine Option.

  • Eine Kompromiss für den Straßentransport ist unverzichtbar.

  • Nutzfahrzeugen soll es möglich sein, zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich rentabel verkehren zu können.

  • Die Wiedereinführung von Transportgenehmigungen und Quotensystemen sind keine Option, da sie niemals ein so hohes Handelsvolumen abdecken können.

  • Die gegenseitige Anerkennung von Standards, Zuständigkeiten und Zertifikaten zum Schutz des fairen Wettbewerbs, dem Umweltschutz, der Verkehrssicherheit und der Arbeitsbedingungen für Berufskraftfahrer.

  • Fokus der Verhandlungsführer auf die gemeinsamen Ziele.

    Allein der Automobilindustrie in Deutschland drohen ohne Abkommen Zölle in der Höhe von mindestens zwei Milliarden Euro.

    (Deutsche Industrie- und Handelskammertages (DIHK):)

Schon heute habe Großbritannien als Exportmarkt an Bedeutung verloren. DIHK-Hauptgeschäftsführer Wandsleben stellt fest:

  • Seit 2016 sind die deutschen Exporte zu der britische Insel merklich gesunken: Von 89 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf 79 Milliarden Euro 2019.
  • Großbritannien ist nur noch auf Rang 5 der wichtigsten Exportmärkte Deutschlands, zuvor war das Vereinigte Königreich auf Rang 3.
  • Deutsche Exporte sind zwischen Januar und Juli im Vergleich zum Vorjahr um fast 22 Prozent zurückgegangen.

    Wandsleben fordert daher vier Punkte für die Logistik zwischen Deutschland und GB.

  • EU-Binnenmarkt zusammenhalten.
  • Zölle vermeiden.
  • Transportwege aufrecht erhalten.
  • Bürokratie für Warenaustausch so gering wie möglich halten.



So gehen deutsche Logistiker mit dem Brexit um.



Horst Kottmeyer, Geschäftsführer der gleichnamigen Spedition aus Oeyenhausen, hat auf Grund der aktuellen Situation und des Auslaufens der Übergangsphase eine drastische Entscheidung getroffen. In einem Interview mit Eurotransport sagte er “Wir haben uns dafür entschieden, verstärkt leer aus England herauszufahren, zumal das Preisniveau nochmals gesunken ist. Wir befürchten, dass Rückladungen uns nur mit Problemen belasten, und merken außerdem, dass sich immer mehr deutsche Kunden von englischen Lieferanten verabschieden und sich Alternativen suchen.”

Warenverkehr zwischen Deutschland und GB - was gibt es zu beachten?



Auch das Aus- und Einfahren von Waren wird Spediteure bei einem No-Deal Brexit vor Herausforderungen stellen. Im Folgenden haben wir zusammengefasst, was beachtet werden muss.

Einfuhr in die EU aus Großbritannien - das müssen Logistikunternehmen beachten.



  • Die Ausfuhrabfertigung findet in Großbritannien statt.

  • Eine Einfuhranmeldung in der EU ist zu machen.

  • Es werden EU-Zölle fällig (Einfuhrumsatzsteuer, eventuell Verbrauchsteuer).

  • Je nach Warenwert werde zusätzliche Zertifikate, Nachweise oder Lizenzen erforderlich.

    Ausfuhr aus der EU nach Großbritannien - das müssen Logistiker beachten.

  • Es muss eine Ausfuhranmeldung vorgenommen werden.

  • Die EORI-Nummer muss registriert werden.

  • Für die elektronische Abwicklung wird Zollsoftware fällig. Zulassung sowie Artikelstammdaten und Codierungen werden dafür benötigt, alternativ: Internetzollanmeldung IAA+ (mittels Elster-Online-Zertifikat).

  • Für sensible Güter werden ggf. gesonderte Ausfuhrgenehmigungen benötigt.

  • Die EU-Richtlinien der Umsatzsteuer verlieren ihre Geltung.

  • In Großbritannien erfolgt eine Einfuhrabfertigung. Grundsätzlich richtet sich die Höhe der Zölle nach dem VK-Zolltarif, welcher sich in weiten Teilen am EU-Tarif orientiert, jedoch einige Simplifizierungen und Reduktionen vorsieht.

    In GB erfolgt eine Einfuhrabfertigung. Die Höhe der Zölle richtet sich grundsätzlich nach dem VK-Zolltarif. Dieser orientiert sich in weiten Teilen am EU-Tarif sieht aber Vereinfachungen (Glättungen) und Reduktionen vor.

    So ermitteln Sie den fälligen Zoll bei Einfuhr nach GB.



    Großbritanniens Regierung stellt ein Tool bereit, was bei der Ermittlung des fälligen Zolls bei Einfuhr nach GB hilft. Das sogenannte “UK Global Tariff tool” hilft dabei, die ab 01.Januar 2021 fälligen Zölle zu ermitteln.

    Wie funktioniert das UK Global Tariff Tool?



    Es handelt sich um eine Suchfunktion, bei der entweder Begriffe, oder ein achtstelliger Produkt-Code eingegeben werden kann. Auch eine Kombination aus beidem ist möglich. Eine komplette Produkt-Tabelle kann außerdem als csv-Datei heruntergeladen werden.

    Die Software für die Zollabwicklung wird nicht rechtzeitig fertig sein.



    Für die Abwicklung der neuen Einfuhr- und Zollbestimmungen, soll eine neue Software zur Verfügung stehen. Jedoch wird diese nicht rechtzeitig zum 31. Dezember 2020 fertig sein, warnt die Association of Freight Software Suppliers (AFSS), deren Mitglieder mit der Entwicklung der Software betreut sind. Laut dem Vorsitzenden Stephen Bartlett sei es unrealistisch, zu erwarten, dass die User bis Ende des Jahres mit der Software vertraut gemacht wurden. Grund für die Verzögerung der Entwicklung seien fehlende Informationen seitens Großbritanniens Behörden.

    Was bedeutet der Brexit für LKW-Fahrer?



    Ab Oktober 2021 benötigen LKW-Fahrer für die Einreise ins Vereinigte Königreich einen Reisepass. Nur der Personalausweis wird nicht mehr ausreichen. Die Grafschaft Kent wird dabei vollständig zur Grenzregion, in die LKW nur mit speziellen Zufahrtsscheinen einfahren dürfen. Das Ziel ist die Vermeidung von Staus in Häfen und dem Eurotunnel.

    Angst vor riesen LKW-Stau an den Zufahrten der Verladehäfen.



    Im schlimmsten Falle könnten sich bis zu 7.000 LKW an den Zufahrten stauen. Grund dafür sind die umfassenden Kontrollen, die dann wieder durchgeführt werden. Unvollständige Unterlagen können dabei nicht nur die Prozesse verlangsamen, sondern auch teuer werden: 327€ Strafe werden fällig für Fahrer, die ohne Papiere nach Kent kommen. Nun werden vermehrt LKW-Stellplätze geschaffen, bis Dezember sollen Stellplätze für 2.000 Trucks zur Verfügung stehen.

    Stau vor Eurotunnel: Wer kümmert sich um die Berufskraftfahrer?



    Bisher wenig hat man darüber gehört, was mit den Berufskraftfahrerinnen und Fahrern passieren soll, die in diesen Stau geraten. Neben den reinen Abstellflächen werden sanitäre Anlagen, Verpflegungsmöglichkeiten und sichere Parkplätze benötigt. Fahrerinnen und Fahrer werden stundenlang in ihren Fahrerkabinen ausharren müssen - es wird eine Zerreißprobe für die Nerven werden!

    Deutsche Unternehmen, die in der Logistik tätig sind, sehen sich mit großen Herausforderungen konfrontiert. Eine genaue Einschätzung der Situation ist kaum möglich. Es bleibt abzuwarten, was nach der Übergangsphase mit dem Warentransport nach und aus Großbritannien passiert.

    Aktuelle Informationen zu diesem Thema finden Sie auf der Website des Zolls.

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Autorin: Marike Wöbken


Quellen